Die smarte Wahrheit: Wie die forfour (2004) fast smart in eine ganz andere Richtung geführt hätte — das historische Scheitern, das bis heute nachwirkt

Die smarte Wahrheit: Wie die forfour (2004) fast smart in eine ganz andere Richtung geführt hätte — das historische Scheitern, das bis heute nachwirkt

Vor über zwanzig Jahren wagte smart einen mutigen Schritt: Weg von der puren Zweisitzer‑Micro‑Citycar‑Identität hin zu einem erweiterten Modellportfolio. Die smart forfour der ersten Generation (W454), die 2004 debütierte, war das greifbarste Ergebnis dieser Strategie. Als Autor aus München sehe ich in der Forfour nicht nur ein Stück Automobil‑Geschichte, sondern ein interessantes Lehrstück über Kooperationen, Markenidentität und Marktpositionierung.

Entstehung und technische Basis

Die Forfour entstand in enger Zusammenarbeit mit Mitsubishi und nutzte die Plattform der sechsten Colt‑Generation. Etwa 40 % der Komponenten wurden geteilt, wodurch Entwicklungskosten und Markteintrittsbeschleunigung möglich wurden. Produziert wurde das Modell im niederländischen NedCar‑Werk in Born. Diese Kooperationsstrategie ist in der Automobilwelt gängig: sie erlaubt kleinen Marken wie smart, schneller in neue Segmente vorzudringen, ohne komplette Neuentwicklungen stemmen zu müssen.

Design: smart‑DNA aufgewertet

Obwohl technisch eine Verwandtschaft zur Colt bestand, blieb das Design der Forfour klar smart: die sichtbare tridion‑Sicherheitszelle, farbliche Kontraste und die charakteristischen, geteilten Scheinwerfer erweckten den unverwechselbaren smart‑Charakter. Zugleich brachte die Forfour neue Proportionen – vier Türen, mehr Platz und ein harmonisch verlängertes Heck. Im Innenraum setzte smart auf junge, farbige Akzente und funktionale Lösungen, die das urbane, verspielte Image der Marke fortschrieben, aber nun mit Alltagstauglichkeit für Familien kombiniert wurden.

Praxisnutzen: Raumkonzept und Variabilität

Die Forfour bot deutlich mehr Nutzwert als die fortwo. Mit einem Kofferraumvolumen von 270 Litern, erweiterbar auf bis zu 975 Liter bei umgeklappten Rücksitzen, richtete sie sich an Käufer, die Stadttauglichkeit und Alltagsfunktionalität vereinbaren wollten. Praktische Details wie die „readyspace“-Sitzkonzepte und weit öffnende Fondtüren erhöhten die Alltagstauglichkeit erheblich – Aspekte, die gerade in engen europäischen Innenstädten geschätzt werden.

Antriebe: von sparsam bis sportlich

Die Motorenpalette war erstaunlich breit: Benziner von 1.1 bis 1.5 Liter, Dieselvarianten auf Mercedes‑Basis sowie eine sportliche Brabus‑Version mit 177 PS des 1.5‑Turbo. Diese Bandbreite zeigte, dass smart mit der Forfour verschiedene Käuferschichten erreichen wollte – vom sparsamen Stadtnutzer bis zum sportlich ambitionierten Fahrer. Dennoch offenbart diese Vielfalt auch ein Risiko: ein klares Markenprofil lässt sich schwerer kommunizieren, wenn die Modellpalette zu heterogen wirkt.

Marktperformance und Produktionsstopp

Trotz des vielversprechenden Konzepts blieben die Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurück. Nach einem guten Start 2004 flachte die Nachfrage ab, und im März 2006 traf Daimler‑Chrysler die Entscheidung zur Produktionsunterbrechung; im Juli 2006 verließ die letzte Forfour das Band. Die Gründe sind vielschichtig: eine teilweise verwirrende Markenwahrnehmung (war smart nun wieder eine Nischen‑Micro‑Marke oder ein breit aufgestellter Kleinwagenanbieter?), starke Konkurrenz im Segment und unzureichende Volumen zur nachhaltigen Wirtschaftlichkeit der Produktion.

Der brillante Plan, der nie umgesetzt wurde: formore

Interessanterweise plante smart damals weiter: Das Projekt „formore“ envisioned einen kompakten SUV mit Allradantrieb auf Mercedes‑C‑Klassen‑Plattform, etwa für den US‑Markt. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde dieses Vorhaben 2005 eingestellt. Dieses „what if“ zeigt, wie ambitioniert smart gedacht hatte – doch Ambitionen allein reichen nicht, wenn die Grundlage aus Marktakzeptanz und Kapital nicht stabil ist.

Lektion für heutige Modellstrategien

Die Forfour‑Episode liefert mehrere Lehren für Hersteller:

  • Markenkohärenz ist entscheidend: Eine Erweiterung der Modellpalette muss mit klarer Kommunikation und strategischer Positionierung einhergehen.
  • Partnerschaften sparen Kosten, können aber auch Identitätsprobleme schaffen, wenn Teile zu stark fremd sind.
  • Produktionsstandorte und Volumen müssen realistisch zur erwarteten Nachfrage passen – fehlende Skaleneffekte können schnell zum K.O. führen.
  • Wiederkehrende Relevanz in der aktuellen smart‑Strategie

    Heute, unter neuer Ownership und mit einer breiteren Modellpalette von #2 bis #5, scheint smart aus den Erfahrungen der Forfour gelernt zu haben: Die aktuelle Strategie ist besser abgestützt, die Markteinführung erfolgt in einer anderen Marktlandschaft – elektrisch statt primär verbrennerorientiert. Dennoch bleibt die Forfour ein historisches Beispiel, wie sich Firmen zwischen Experiment und Kernkompetenz bewegen.

    Für Fahrer und Enthusiasten

    Für Autofahrer heute bietet die Geschichte der Forfour interessante Einsichten: Innovation kombiniert mit Identitätsstärke kann lange nachwirken. Auf den Straßen Münchens und Bayerns sieht man heute kompakte Modelle, die versuchen, urbane Wendigkeit mit Alltagstauglichkeit zu verbinden – genau jene Balance, die die Forfour suchte. Als Technik‑ und Designgeschichte bleibt die Forfour ein faszinierender Fußabdruck in der Entwicklung einer Marke, die sich mehrfach neu erfunden hat.

    Elmer