Elektroautos sind nicht die Lösung? Brems‑ und Reifenabrieb machen Städte jetzt krank – das müssen Autofahrer wissen
Die saubere Luft in unseren Städten galt lange als Frage der Abgase – Diesel, Benziner, Feinstaub aus Auspuffen. Aktuelle Studien, etwa von EIT Urban Mobility und Transport for London, zeichnen jedoch ein anderes Bild: Nicht‑Auspuff‑Emissionen durch Bremsen und Reifen sind heute eine zentrale Quelle feiner Partikel in urbaner Luft. Für uns Autofahrer, Flottenbetreiber und Kommunalpolitiker in Deutschland bedeutet das: Die Elektromobilität allein löst das Feinstaubproblem nicht, und es sind neue, technische sowie politische Antworten gefragt.
Was die Zahlen sagen
Laut den Untersuchungen entfallen inzwischen bis zu 40 Prozent der in Städten messbaren Partikel (PM10/PM2,5) auf Abrieb von Bremsen. Der Reifenabrieb trägt zusätzlich, je nach Studie, zwischen 1 und 5 Prozent zur Partikelbelastung bei – wobei ein Großteil der Reifenteilchen zunächst auf der Fahrbahn zurückbleibt und später über Regenwasser in Kanalnetze und Gewässer gelangt. Das ist nicht nur eine Luftqualitätsfrage, sondern eine beträchtliche Umweltbelastung mit langfristigen Effekten auf Böden und Wasserlebensräume.
Der paradoxe Effekt der Elektrifizierung
Elektrofahrzeuge reduzieren die Emissionen aus dem Auspuff selbstverständlich drastisch und dank Rekuperation sinkt auch der Bremsabrieb in vielen Fahrprofilen deutlich – in einigen Messungen bis zu 80 Prozent. Doch: EVs sind in der Regel schwerer als vergleichbare Verbrenner. Die zusätzliche Batterie erhöht die Belastung der Reifen, was den Reifenabrieb steigern kann. Das Ergebnis ist ambivalent: Weniger Abrieb beim Bremsen, aber potenziell mehr Reifenabrieb.
Warum die Partikel so gefährlich sind
Die von Bremsen freigesetzten Partikel sind häufig extrem fein und enthalten Metalle und andere Komponenten, die tief in die Lungen gelangen und sich im Körper anreichern können. Langfristig erhöht dies das Risiko für Atemwegs- und Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen. Reifenpartikel hingegen sind Teilchen complexer Zusammensetzung, die über Regenwasser in die Umwelt transportiert werden und dort bioakkumulativ wirken können.
Technische Lösungsansätze
Die gute Nachricht: Es gibt mehrere technologische Hebel, an denen Hersteller und Zulieferer arbeiten können:
Politik und urbane Planung: Mobilität neu denken
Technik allein reicht nicht. Die Studie betont, dass Mobilitätspolitik und Stadtplanung eine entscheidende Rolle spielen:
Normen und Messverfahren: Harmonisierung dringend nötig
Ein weiteres Thema ist die Standardisierung: Derzeit fehlt ein europaweit harmonisiertes Mess‑ und Bewertungsverfahren für Nicht‑Auspuff‑Emissionen. Einheitliche Prüfmethoden würden Transparenz schaffen, Hersteller vergleichbar machen und Kommunen erlauben, gezielter zu regulieren. Branchenweit fordern Hersteller und Forschungseinrichtungen solche Standards als Grundlage für ehrlichen Wettbewerb und Verbraucherinformation.
Kurzfristige Maßnahmen für Kommunen und Flotten
Was können Städte und Flottenbetreiber jetzt tun?
Forschung und Innovation weiter stärken
Langfristig müssen Materialwissenschaft, Fahrzeugarchitektur und urbane Infrastruktur Hand in Hand arbeiten. Investitionen in Forschung zu nachhaltigen Gummimischungen, bremsabreicharmer Reibbeläge und Abscheidetechniken sind notwendig. Gleichzeitig sollten Pilotprojekte in Städten realisiert werden, um Wirkung und Nebenwirkungen neuer Maßnahmen empirisch zu bewerten.
Weiterer Diskussionsbedarf
Die Debatte um die Rolle der E‑Mobilität muss erweitert werden: Es geht nicht nur um CO₂‑Reduktion, sondern um umfassende Luft‑ und Umweltqualität. Für Deutschland ist das relevant – gerade Regionen mit hoher Verkehrsbelastung benötigen integrative Konzepte, die Technik, politische Steuerung und Verhalten der Verkehrsteilnehmer verbinden.
Für Autofahrer bedeutet das in der Praxis: Bewusste Fahrzeugwahl, regelmäßige Wartung, achtsame Fahrweise und die Bereitschaft, alternative Mobilitätsformen zu nutzen. Nur so können wir die nächsten Schritte der Verkehrswende sinnvoll gestalten – im Interesse unserer Gesundheit und der Umwelt.
