Beifahrerbildschirme im Auto: Warum 35 % sie nie nutzen — und wie sie Ihr Infotainment ruinieren können

Beifahrerbildschirme im Auto: Warum 35 % sie nie nutzen — und wie sie Ihr Infotainment ruinieren können

Beifahrerbildschirme: ein Luxusdetail, das Hersteller lieben — aber Käufer offenbar kaum nutzen. Eine aktuelle J.D. Power‑Studie in den USA wirft ein klares Licht auf die Realität: Viele Fahrzeuge sind heute mit einem zusätzlichen Display für den Beifahrer ausgestattet, doch rund ein Drittel der Besitzer mit diesem Extra hat es noch nie ausprobiert. Als Motorjournalist aus München analysiere ich, warum diese Technologie in der Praxis so selten zum Einsatz kommt, welche Probleme sie mit sich bringt und was das für Hersteller und Käufer bedeutet.

Was sagt die Studie konkret?

Die Auswertung des Tech Experience Index (TXI) 2026 basiert auf Antworten von über 68.000 Fahrzeughaltern und zeigt deutliche Zahlen: 35 % der Besitzer von Fahrzeugen mit Beifahrerdisplay geben an, das Display nie benutzt zu haben. Nur 6 % nutzen es bei jeder Fahrt. Gleichzeitig registrierte J.D. Power 21,3 Probleme im Zusammenhang mit Beifahrerdisplays pro 100 Fahrzeuge — ein klarer Hinweis, dass das zusätzliche Display auch Fehlerquellen schafft.

Warum werden Beifahrerbildschirme wenig genutzt?

  • Smartphones und Tablets sind allgegenwärtig: Für viele Passagiere ersetzen eigene Geräte das fest verbaute Display.
  • Funktionale Redundanz: Viele angebotene Funktionen (Streaming, Navigation, Web) sind bereits über persönliche Geräte oder das Haupt‑Infotainment verfügbar.
  • Usability und Ablenkung: Komplizierte Menüs oder mangelhafte Ergonomie reduzieren die Nutzung im Alltag.
  • Fehlende Relevanz: Für kurze Alltagsfahrten im Stadtverkehr bietet das Display keinen echten Mehrwert.
  • Technik bringt auch Probleme – mehr Komponenten, mehr Fehlerquellen

    Ein häufig übersehener Aspekt: Jedes zusätzliche Bauteil erhöht die Komplexität des Systems. Mehr Hardware und vernetzte Softwaremodule führen zu einem höheren Risiko von Fehlfunktionen. J.D. Power verlinkt die höhere Fehlerquote bei Infotainment‑Systemen mit Fahrzeugen, die ein Beifahrerdisplay besitzen — das heißt nicht zwingend, dass das Display Ursache ist, wohl aber, dass komplexere Systeme anfälliger sind. Für Halter kann das bedeuten: häufiger Werkstattbesuch, längere Update‑Sitzungen und erhöhter Frust, wenn die Bedienung nicht reibungslos läuft.

    Premiumhersteller vs. Massenmarkt: unterschiedliche Ansätze

    Im Premiumsegment sind Beifahrerbildschirme heute schon häufiger zu finden. BMW etwa bietet in der neuen 7er‑Baureihe ein 14,6‑Zoll‑Display für den Beifahrer serienmäßig an, bei der X5 ist es optional. Mercedes verfolgt einen anderen Weg: In einigen Modellen gibt es ein „digital animiertes Dekorelement“ für den Beifahrer — kein Touchscreen, eher eine hochauflösende Anzeige für Artikel oder Ambientefunktionen. Solche Lösungen zeigen, dass Hersteller noch testen, welchen Mehrwert der Markt tatsächlich akzeptiert.

    Für wen macht ein Beifahrerdisplay Sinn?

  • Langstreckenreisende: Passagiere können Filme schauen, ohne das Hauptdisplay des Fahrers zu stören.
  • Familien mit Kindern: On‑board‑Unterhaltung reduziert Stress auf langen Fahrten.
  • Fahrzeuge mit Chauffeur/Bereichen mit geteilten Rollen: Im Business‑Segment kann ein separates Display nützlich sein.
  • Für den typischen Pendler oder Gelegenheitsfahrer bleibt der Nutzen allerdings begrenzt.

    Folgen für Hersteller: Nutzen, Kosten und Produktstrategie

    Die Studie legt nahe, dass Hersteller vor der Entscheidung, weitere Displays in Cockpits einzubauen, abwägen sollten. Drei strategische Optionen erscheinen sinnvoll:

  • Option 1 — Modularität: Displays als klare, kosteneffiziente Optionen anbieten und nicht serienmäßig verbauen.
  • Option 2 — Fokus auf Stabilität: Software‑Architektur vereinfachen und robuste, getestete Integrationen entwickeln, um Fehlerquoten zu senken.
  • Option 3 — Reale Use‑Cases identifizieren: Nur Funktionen implementieren, die sich nachweislich im Alltag nutzen lassen (z. B. kindgerechte Inhalte, einfache Mediensteuerung).
  • Was Fahrer und Käufer beachten sollten

  • Prüfen, ob das Display wirklich als Option sinnvoll ist — oder ob ein Tablet und guter Mobilfunkempfang denselben Zweck erfüllen.
  • Auf Software‑Updates und Garantiebedingungen achten, besonders bei Infotainment‑Fehlern.
  • Beim Kauf: Bedienbarkeit während der Probefahrt testen (Intuitivität, Reaktionszeit, Multimedia‑Integration).
  • Ein Blick in die Zukunft: Integrationen statt Überfrachtung

    Die Automotive‑Industrie hat in den letzten Jahren eindrucksvoll gezeigt, dass Technik nicht gleich Nutzen ist. Während die Integration von Displays in Zukunft sicher weitergeht, wird es entscheidend sein, die Nutzerbedürfnisse und die Systemstabilität in den Mittelpunkt zu stellen. Statt immer mehr Bildschirme einzubauen, könnte die Entwicklung eher in Richtung besserer Vernetzung, zuverlässiger Mirror‑Funktionen und nahtloser Smartphone‑Integration gehen — Lösungen, die Nutzer tatsächlich täglich verwenden.

    Für Hersteller bedeutet das: weniger „Feature‑Fetisch“ und mehr praktische, getestete Funktionalität. Für Käufer in München und anderswo gilt: Augen auf beim Optionspaket — das schönste Display nützt wenig, wenn es nach drei Monaten öfter in der Werkstatt als auf der Straße ist.

    Elmer