Ab Januar 2026 treten bei Euro NCAP umfassende Neuerungen in Kraft, die das bisher bekannte Sterne‑Rating deutlich erweitern und verschärfen. Es handelt sich um das größte Update seit der Einführung des 5‑Sterne‑Systems 2009: Die Prüfprotokolle werden auf vier « Sicherheitsstufen » (Stufen) gegliedert, die von der Fahrervorsorge bis zur Rettung nach einem Unfall reichen. Für Autofahrer, Hersteller und Prüforganisationen bedeuten diese Änderungen nicht nur neue Testbatterien, sondern auch einen Paradigmenwechsel in der Bewertung moderner Sicherheitssysteme.
Vier Sicherheitsstufen: Ein holistischer Ansatz
Euro NCAP strukturiert die Bewertung künftig in vier Bereiche: sichere Fahrt (Driver Monitoring & HMI), Unfallvermeidung (ADAS & AEB), Insassenschutz bei Crashs und Post‑Crash‑Sicherheit. Dieser ganzheitliche Ansatz reflektiert die Realität moderner Mobilität: Sicherheit beginnt vor dem Unfall und endet nicht mit dem Stillstand des Fahrzeugs. Dadurch sollen Fahrzeuge nicht nur « passiv » schützen, sondern aktiv dazu beitragen, Unfälle zu vermeiden und nach einem Unfall die Überlebenschancen zu erhöhen.
Sichere Fahrt: Fahrerüberwachung und intuitive HMI
Ein bedeutender Schwerpunkt liegt auf Systemen zur Überwachung des Fahrers: Eye‑Tracking, Kopfpose‑Erkennung und sogar Erkennung von Anzeichen für Fahrt unter Einfluss von Alkohol oder Drogen werden künftig stärker gewichtet. Neu ist die Forderung, dass Systeme bei Inaktivität des Fahrers eingreifen und das Fahrzeug sicher anhalten können. Ebenso fließt die Qualität der Mensch‑Maschine‑Schnittstelle (HMI) in die Bewertung ein: Menüs, Warnungen und Bedienelemente müssen intuitiv sein und die Ablenkung des Fahrers minimieren.
Unfallvermeidung: realistische Szenarien und vulnerable Verkehrsteilnehmer
Die Prüfungen für Autonomous Emergency Braking (AEB) und Spurhalteassistenten (LKA) werden deutlich realistischer. Statt standardisierter Laborversuche kommen komplexe Szenarien zum Einsatz, die städtische Situationen mit Fußgängern, Radfahrern, Scooter‑Nutzern oder dem berüchtigten « Cyclist Dooring » abbilden. Dadurch werden die Systeme nicht nur auf die Erkennung einfacher Hindernisse geprüft, sondern auf ihr Verhalten in dynamischen, vielfach überlappenden Risikenituationen.
Schutz bei Crash: diversere Dummy‑Sätze und Pedonenschutz
Die Crash‑Prüfungen selbst werden erweitert: Euro NCAP integriert einen größeren Mix an Körpergrößen und ‑formen, um Schutz für unterschiedliche Fahrer und Beifahrer realistisch zu bewerten. Ein besonders wichtiger Punkt ist die stärkere Berücksichtigung des Fußgängerschutzes im Bereich der Windschutzscheibe und der oberen Fahrzeugfront — Bereiche, in denen schwere Kopfverletzungen bei Kollisionen drohen.
Post‑Crash‑Sicherheit: Rettung und Batterie‑Isolation
Neu ist auch die Bewertung der Maßnahmen nach einem Unfall. Elektrische Türgriffe müssen funktionsfähig bleiben, damit Rettungskräfte schneller Zugang erhalten; Elektrofahrzeuge müssen eine sichere Isolierung der Hochvolt‑Batterie garantieren; automatische Notrufsysteme sollen präzise Informationen zu Insassenanzahl und Systemstatus liefern. Diese Kriterien sind pragmatisch und lebensrettend, besonders bei schwer zugänglichen Unfallorten.
Real‑World‑Tests statt reiner Laborbedingungen
Ein leitender Gedanke hinter den Änderungen ist die höhere Realitätsnähe: ADAS werden nicht mehr nur auf Prüfstrecken bewertet, sondern auch in realen Verkehrsbedingungen — mit echten Verkehrsteilnehmern und urbanen Szenarien. Hersteller müssen zeigen, dass ihre Systeme praktikabel, verlässlich und für Fahrer akzeptabel sind, nicht nur technisch funktionieren.
Technologie, Ethik und Maskulinität der Dummy‑Sätze
Euro NCAP geht mit der Einführung realistisch gehaltener weiblicher Dummys und diverser Körperformen einen wichtigen Schritt: Historisch getestete Dummys repräsentierten eher männliche Durchschnittsmaße, was zu einer suboptimalen Bewertung für Frauen und unterschiedliche Körperbauarten führte. Die neue Vorgehensweise geht auf diese Kritik ein und erhöht die Validität der Schutzbewertungen.
Regelmäßige Updates: Protokolle alle drei Jahre
Die Prüfprotokolle werden künftig in einem Dreijahresrhythmus aktualisiert. Das ist ein klares Signal: Sicherheit ist ein schnelllebiges Feld — neue Sensorik, KI‑gestützte Erkennungsalgorithmen und veränderte Mobilitätsmuster erfordern eine kontinuierliche Anpassung der Bewertungskriterien, damit Bewertungen nicht obsolet werden.
Folgen für Hersteller und Verbraucher
Was bedeutet das praktisch auf unseren Straßen?
In der Praxis heißt das: Autos werden intelligenter in der Vorbeugung, sensibler bei der Erkennung unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer und verlässlicher bei der Rettung nach Kollisionen. Für uns Fahrer bedeutet es auch: Assistenzsysteme müssen nutzerfreundlicher werden, damit wir ihnen wirklich vertrauen — und das wollen Euro NCAP und die Normgeber erreichen. Für München und die bayerischen Landstraßen ist das eine gute Nachricht: Sicherheit soll nicht nur in Testprotokollen, sondern vor allem im echten Straßenverkehr wirksam werden.
Hersteller stehen vor der Herausforderung, die Balance zwischen Technologie, Nutzerakzeptanz und Kosten zu finden. Doch der Schritt von Euro NCAP ist klar: Sicherheit wird umfassender gedacht — präventiv, inklusiv und rettungsorientiert.
