Biodiesel nach 2035: Retter des Dieselmotors oder nur Übergangslösung?
Die Diskussion um die Zukunft des Dieselmotors nimmt zu: Kann Biodiesel – etwa HVO oder andere fortschrittliche Biokraftstoffe – den Verbrennungsmotor nach 2035 wirklich „retten“? Bevor man in Panik gerät oder vorschnell den Kaufabschnitt verschiebt, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die europäischen Regeln und die praktische Wirkung von Biokraftstoffen im Alltag. Die Kernfrage lautet: Reduziert ein mit Biodiesel betankter Diesel die CO₂‑Emissionen so weit, dass er die gesetzlichen Ziele erfüllt – oder bleibt er rechtlich und technisch weiterhin ein Verbrenner mit Emissionen am Auspuff?
EU‑Vorgaben: Emissionen am Auspuff sind das Maß der Dinge
Die Europäische Kommission hat ehrgeizige Flottengrenzwerte gesetzt: Nach den aktuellen Vorgaben sinken die zulässigen Flottenemissionen bis 2029 auf rund 93,6 g CO₂/km und weiter auf 49,5 g CO₂/km zwischen 2030 und 2034. Ab 2035 gilt für die Neuzulassungen das Ziel von 0 g CO₂/km – das heißt: Für die Einhaltung des Flottengrenzwerts zählen nur Fahrzeuge, die am Auspuff keine CO₂‑Emissionen freisetzen. Und hier liegt der entscheidende Punkt: Die Regelung bewertet Emissionen am Endpunkt (tailpipe), nicht den gesamten Lebenszyklus des Brennstoffs.
Was bedeutet das für Fahrzeuge, die Biodiesel tanken?
Wenn ein Dieselfahrzeug mit HVO oder einem hohen Anteil an Biodiesel betrieben wird, reduziert das die CO₂‑Bilanz über den gesamten Lebenszyklus des Kraftstoffs – je nach Ausgangsstoff und Produktionsweg deutlich. Allerdings produziert der Motor weiterhin CO₂ am Auspuff. Juristisch bleibt ein solcher Wagen ein Verbrenner und trägt nicht zu den 0‑g/km‑Fahrzeugen bei, die künftig für die Flottenzielwerte zählen. Kurz: Biodiesel hilft, die Klimabilanz des laufenden Bestands zu verbessern, ändert aber nichts am Status von Neuwagen‑Regeln.
E‑Fuels, Advanced Biofuels und ihre Rolle
Neben klassischen Biokraftstoffen treten sogenannte e‑Fuels (RFNBOs) und advanced biofuels in den Fokus. E‑Fuels werden synthetisch aus grünem Wasserstoff und CO₂ hergestellt und können theoretisch einen großen CO₂‑Vorteil gegenüber fossilem Diesel bieten. JRC‑Studien nennen Einsparpotenziale von über 70 % gegenüber fossilen Kraftstoffen – unter Voraussetzung einer vollständig regenerativen Stromversorgung und effizienter Produktionskette. Dennoch gilt auch hier: Verbrennung bleibt Verbrennung; Emissionen am Auspuff sind vorhanden, sodass diese Fahrzeuge ebenfalls nicht automatisch als 0 g/km gelten.
Warum die Industrie auf HVO & Co. setzt
Die Hersteller und Betreiber logistischer Flotten treiben die Nutzung von HVO und anderen Biokraftstoffen voran – und das aus praktischen Gründen:
Missverständnis „Diesel gerettet“: Warum Vorsicht geboten ist
Es ist ein Trugschluss zu glauben, die Förderung von HVO und Co. würde den Diesel dauerhaft rehabilitieren. Die EU‑Politik zielt auf Null‑Emissionen bei Neuwagen. Biokraftstoffe sind vor allem ein Mittel, um die Emissionen des bestehenden Fahrzeugbestands zu senken und Übergangslösungen für schwer zu elektrifizierende Sektoren anzubieten. Selbst wenn ein regulatorischer Mechanismus geschaffen würde, der ausschließlich Fahrzeuge zulässt, die nur mit CO₂‑neutralen Kraftstoffen betrieben werden, wäre das ein Sonderweg – keineswegs eine generelle Umkehr der Elektromobilitätsstrategie.
Was heißt das für Käufer und Halter von Dieselfahrzeugen?
Technische und versicherungstechnische Aspekte
Wichtig: Nicht alle Motoren und Hersteller sind automatisch für 100 % HVO oder andere Biokraftstoffe freigegeben. Die Nutzung nicht freigegebener Mischungen kann Garantieansprüche gefährden und im Schadensfall problematisch werden. Käufer sollten daher die technischen Angaben des Herstellers prüfen und im Zweifelsfall Rücksprache mit Werkstätten oder Importeuren halten.
Fazit für die Praxis: Rollen verteilen statt Totalkonflikt
Die Mobilitätswende ist kein Nullsummenspiel zwischen Elektroautos und Biokraftstoffen – beide haben ihre Berechtigung, aber auf unterschiedlichen Feldern. Elektrofahrzeuge sind das Kernsegment für neue Pkw‑Zulassungen und die Strategie zur Erreichung der 0 g CO₂/km‑Ziele. Biokraftstoffe wie HVO und e‑Fuels sind ergänzende Werkzeuge, vor allem für die Dekarbonisierung des Bestands, des Schwerlastverkehrs und von Einsatzgebieten, in denen Batterien noch nicht die geeignete Lösung sind.
Empfehlungen für Leser
Für die bayerischen Straßen und die Fahrt zwischen München und den Alpen bedeutet das konkret: Wer viel Langstrecke fährt und auf bestehende Infrastruktur angewiesen ist, kann durch HVO seine persönliche CO₂‑Bilanz verbessern. Wer jedoch langfristig von Vorteilregelungen, Förderungen und urbane Freiheit profitieren will, kommt an der Elektromobilität kaum vorbei. Beide Wege haben ihren Platz – entscheidend ist die informierte Wahl und die technische Absicherung des Fahrzeugs.
