Die Ferrari Conciso ist eines jener Autos, die mehr einer Design‑Skulptur gleichen als einem klassischen Sportwagen. Entstanden Anfang der 1990er Jahre im Studio Michalak Design in Mainz, basiert das Einzelstück auf der Mechanik einer Ferrari 328 GTS – doch dann wurde so gut wie alles andere radikal neu gedacht. Für mich als jemand, der täglich auf Autobahnen und Landstraßen rund um München unterwegs ist, bleibt die Conciso ein faszinierendes Beispiel dafür, wie weit man gehen kann, wenn man Gewicht, Form und Funktion kompromisslos auf Performance trimmt.
Die Entstehung: Minimalismus als Designprinzip
Bernd Michalak verfolgte mit der Conciso das Credo „athletic with not an extra ounce“ – also athletische Reinheit ohne jeglichen Ballast. Ausgangspunkt war eine komplett zerlegte Ferrari 328 GTS: Nur Antriebsstrang und fahrrelevante Mechanik blieben erhalten. Alles andere wurde neu gezeichnet. Das Ergebnis ist eine Karosserie aus Aluminium, extrem reduziert, ohne Türen und mit einem nur sehr niedrigen Windschutzscheibenansatz, der mehr einem Deflektor ähnelt als einem klassischen Scheibenaufbau. Diese radikale Reduktion führte zu einer Gewichtsersparnis von rund 30 Prozent gegenüber der Basis‑328 – ein Wert, der sich deutlich auf Fahrdynamik und Agilität auswirkt.
Technik und Dynamik: V8 im reduziertesten Umfeld
Die Conciso bewahrt den V8‑Saugmotor der 328, doch durch das geringere Gewicht entfaltet er eine deutlich größere Wirkung. Die offiziellen Zahlen für das 0–100‑km/h‑Sprint von 5 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 278 km/h waren für die frühen 1990er beeindruckend – insbesondere, weil die technische Basis nicht grundlegend verändert wurde. In der Praxis bedeutet weniger Masse: schnellere Richtungswechsel, geringere Bremswege und eine direktere Rückmeldung an den Fahrer. Genau diese Eigenschaften machen das Konzept für einen Puristen interessant, der das direkte Fahrerlebnis über Komfort und Luxus stellt.
Innenraum: radikale Funktionalität
Innen ist die Conciso minimalistisch bis aufs Mark: zwei Sportsitze, reduzierte Instrumentierung und freigelegte Flächen ohne unnötigen Zierrat. Alles ist auf das Wesentliche beschränkt. Das wirkt nicht nur konsequent, sondern vermittelt das Gefühl, in einem reinen Fahrerfahrzeug zu sitzen – eine Art mechanische Wahrheit, bei der nichts von der reinen Dynamik ablenkt. Für den Alltag ist das natürlich weniger praktikabel; die Conciso war nie als Gebrauchswagen gedacht, sondern als Designstudie und Performance‑Experiment.
Designausdruck: Provokant und gleichzeitig elegant
Die äußere Form ist kantig und doch organisch, fast skulptural. Ohne Türen und Dach wirkt das Auto wie eine Rennwagen‑Interpretation für die Straße. Bei seiner Premiere auf dem Frankfurter Salon 1993 zog die Conciso viel Aufmerksamkeit auf sich – nicht nur wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens, sondern auch wegen der klaren Designbotschaft. 1994 erhielt sie dafür einen zweiten Preis bei den Eurosign Design Awards, ein Zeichen, dass die Designwelt das radikale Konzept durchaus würdigte.
Historischer Kontext und Sammlerwert
Obwohl die Conciso ein Einzelstück blieb und nie für die Serie gedacht war, hat sie eine bemerkenswerte Historie: Nach der Präsentation wechselte sie den Besitzer und wurde Teil privater Sammlungen. 2018 wurde das Fahrzeug bei RM Sotheby’s für rund 109.250 Euro versteigert – ein Preis, der zeigt, dass Konzepte und Designunikate einen eigenen Markt haben, oftmals unabhängig vom rein materiellen Wert der Komponenten.
Praxis und Folgen: Warum solche Konzepte wichtig sind
Was Fahrer und Enthusiasten daraus lernen können
Für den modernen Autofahrer, gerade jene in urbanen und suburbanen Räumen wie München, stellt sich weniger die Frage nach einem Auto ohne Türen oder Dach. Vielmehr bleibt die Essenz wichtig: Die Gewichtsreduzierung und die Konsequenz im Design zeigen praktikable Wege auf, wie man Effizienz und Fahrspaß verbessern kann. Leichtere Komponenten, bewusst reduzierte Ausstattungslinien und eine Rückbesinnung auf fahrdynamische Qualitäten sind Konzepte, die sich in die heutige Zeit übertragen lassen – nur in einer alltagstauglicheren Form.
Der Mythos Conciso
Die Conciso bleibt ein Stück automobilen Experimentaltheaters: roh, ehrlich und provokant. Sie steht für eine Haltung, die in Zeiten von SUVs und immer komplexeren Assistenzsystemen fast archaisch anmutet – die Rückkehr zur reinen Fahrmaschine. Für Sammler und Designer ist sie ein Referenzpunkt; für uns Fahrer ein inspirierendes Denkmodell: Was passiert, wenn man das Auto auf das Wesentliche reduziert?
