Auf dem Concorso d’Eleganza in Villa d’Este treten Jahr für Jahr Einzelstücke und Traumwagen gegeneinander an – doch die Capricorn 01 „Tutto Rosso“ stahl den meisten Konkurrenten die Schau. Ein One‑Off, das praktisch vollständig in Rot getaucht ist, in jeder Nuance, auf jeder Oberfläche. Als Münchner, der die Kombination aus Handwerk und Technik schätzt, finde ich an diesem Projekt spannend, wie extrem chromatische Gestaltung, High‑End‑Ingenieurskunst und puristische Fahrfreude hier zu einem provokativen Gesamtkunstwerk verschmolzen werden.
Monochromie als Konzept: mehr als nur Lack
„Tutto Rosso“ bedeutet bei Capricorn nicht, die Karosse rot zu lackieren und gut ist. Es heißt: Karosserie, Felgen, Carbon‑Innenverkleidung, Mittelkonsole, Schalthebel – nahezu alles trägt dieselbe rote Tonalität. Nur winzige Einsprengsel aus Aluminium oder Markenlogos bilden Kontrapunkte. Das ist anspruchsvoll, denn die Farbe beeinflusst nicht nur die Optik, sondern auch Materialwahl, Oberflächenbehandlungen und Lesbarkeit der Bedienelemente. Bei einem solchen Projekt muss das Farbkonzept von der Designphase bis zur Detailfertigung stringent gedacht werden.
Technik, die hinter dem Look steckt
Unter der spektakulären Hülle der Capricorn 01 sitzt ein aufgeladenes V8‑Triebwerk mit 888 PS – eine puristische, auf Fahrerbindung ausgerichtete Kombination: Heckantrieb, Sechsgang‑Schaltgetriebe. Keine Doppelkupplungs‑Elektronik, kein Komfort‑Overkill, sondern reine Mechanik, die ein intensives Fahrerlebnis liefern will. Diese Entscheidung macht die Capricorn zu einem Auto für Puristen: bewusst radikal, bewusst unbequem verglichen mit modernen Supercars, die oft auf Assistenz und automatisierte Performance setzen.
Handwerk und Exklusivität
Die Capricorn 01 ist kein Serienprodukt, sondern eine handgefertigte Skulptur auf Rädern. Die one‑off‑Natur bringt zwei Dinge mit sich: erstens eine enorme handwerkliche Leistung, zweitens einen Sammlerwert, der weit über den reinen Material‑ und Fertigungskosten liegt. Das Basispreisniveau der Modellfamilie liegt bereits im Millionenbereich; für die Tutto Rosso‑Einzelanfertigung dürfte das Angebot deutlich darüber liegen. Bei Sammlern erzeugt diese Einzigartigkeit sowohl Begehrlichkeiten als auch Spekulationen über Wertsteigerung.
Designphilosophie: Provokation trifft Kohärenz
Robertino Wild, Kopf von Capricorn, sieht solche Projekte als experimentelle Laboratorien, in denen Materialkunde, Ästhetik und Technik neue Dialoge führen. Die Tutto Rosso ist eine provokative These: Kann Farbe als dominantes Designelement eine kohärente, zugleich luxuriöse und fahrbare Supercar‑Realität erzeugen? Die Polarisierung, die das Auto auslöst – Lob von einigen Designern, Kopfschütteln bei Puristen der Nutzbarkeit – ist Teil des Effekts. Im Kontext von Villa d’Este funktioniert die Capricorn als Statement, das Medienaufmerksamkeit und kulturelle Debatte erzeugt.
Fahrdynamik und Ergonomie: Design versus Bedienbarkeit
Ein Auto, das in jeder Oberfläche dieselbe Farbe trägt, stellt auch ergonomische Herausforderungen: Wie bleibt die Instrumente ablesbar? Wie verhindert man Blendung, Reflexion oder visuelle Überforderung? Hier zeigt sich die Kunst der Umsetzung: Kontrastierende Materialien, matte Oberflächen, gezielte Applikationen und Beleuchtung müssen so eingesetzt werden, dass die Bedienbarkeit erhalten bleibt. Technisch verspricht der V8‑Antrieb eine intensive Leistungsentfaltung; die manuelle Schaltung unterstreicht das Ziel, ein fahrerorientiertes Erlebnis zu bieten.
Wert, Markt und kulturelle Positionierung
One‑Offs wie die Capricorn 01 erfüllen mehrere Funktionen: Sie sind Schaufenster für Marke und Handwerk, sie definieren Identität und sie erzeugen mediale Aufmerksamkeit. Für Käufer sind sie potenzielle Wertanlagen, für Hersteller eine Plattform, um Innovationskraft zu demonstrieren. Ob solche radikalen Projekte langfristig den Markenwert steigern, hängt davon ab, ob sie den Nerv des Marktes treffen – und ob sie in Folgeproduktionen Übertragungen finden, etwa spezielle Editionen oder technische Lösungen, die in Kleinserie gehen.
Praktische Fragen für Interessenten und Sammler
Für Sammler sind das keine Hürden, für potenzielle Nutzer wichtige Überlegungen. Die Capricorn ist ein künstlerischer wie technischer Akt – und als solcher nicht primär auf Nutzwert ausgelegt.
Der symbolische Wert eines Farbkonzepts
Farbe als narrativer Träger ist nicht neu, wohl aber selten so kompromisslos eingesetzt wie bei der Tutto Rosso. In einer Branche, die oft in technischen Spezifikationen denkt, bringt Capricorn Farbe zurück ins Zentrum der Erzählung. Das One‑Off ist damit mehr als ein Auto: Es ist ein kulturelles Artefakt, das Design, Handwerk und Performance in einer starken Bildsprache vereint.
Auf dem Lago di Como hat die Capricorn 01 Tutto Rosso Eindruck hinterlassen: Sie provoziert, fasziniert und regt zur Diskussion an. Für Sammler und Connaisseurs öffnet sie ein neues Fenster in die Frage, wie weit Personalisierung und Design führen können, bevor Funktionalität und Alltagstauglichkeit den Tribut fordern. Als Beobachter aus München bleibe ich gespannt, ob solch radikale Experimente künftig öfter in die Serienproduktion einfließen — oder ob sie als einmalige Kapriolen in die Geschichte eingehen.
