Stellantis in Turbulenzen: Italien beschuldigt Tavares und fordert die EU zur Kehrtwende in der E‑Strategie auf
Stellantis in der Krise: Italienische Regierung macht Tavares und EU für die Probleme verantwortlich
Die Debatte um die Zukunft der Automobilindustrie spitzt sich zu: Italienische Regierungskreise werfen dem früheren Stellantis-CEO Carlos Tavares und der europäischen Politik eine Mitverantwortung für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Konzerns vor. In einer Rede vor der Abgeordnetenkammer griff Adolfo Urso, Italiens Minister für Unternehmen und „Made in Italy“, die bisherige Strategie der starken Beschleunigung auf Elektromobilität scharf an und forderte eine Neuausrichtung auf „technologische Neutralität“.
Worum geht es genau?
Stellantis hatte zuletzt eine „Reimpostazione del business“ angekündigt: Das Unternehmen reduziert interne Vorgaben für die Elektropenetration und räumt ein, dass die Marktnachfrage komplexer ist als angenommen. Die Korrektur senkt das Ziel für emissionsfreie Verkäufe in bestimmten Segmenten von 100 % auf 90 % — eine Maßnahme, die dem italienischen Wirtschaftsministerium jedoch nicht weit genug geht. Urso beklagte, dass die extrem schnelle Ausrichtung auf Batterie‑Elektrofahrzeuge (BEV) unter der Führung von Carlos Tavares zu hohen Verlusten geführt habe und nun umfassendere Anpassungen auf EU‑Ebene nötig seien.
„Neutralità tecnologica“ als politische Forderung
Der Kern der italienischen Position ist die Forderung nach „technologischer Neutralität“: Statt einseitig auf BEV zu setzen, soll die Politik verschiedene Wege zulassen — etwa effiziente Verbrennermotoren, moderne Hybride, Plug‑In‑Hybridlösungen sowie synthetische Kraftstoffe. Für den Minister ist klar, dass eine starre Festlegung auf ein einziges Antriebskonzept schwerwiegende wirtschaftliche Folgen haben kann, insbesondere für Zulieferer und Industriearbeitsplätze in Europa.
Stellantis‑Interne Umorientierung
Antonio Filosa, der aktuelle CEO, hat bereits den Kurswechsel angekündigt und betont, dass Stellantis seine Marktstrategien regional differenzieren will — mit abweichenden Herangehensweisen für Nordamerika und Europa. Filosa signalisiert damit, dass eine Einheitsstrategie nicht mehr tragbar ist und dass Flexibilität nötig ist, um auf Kundenpräferenzen und Marktgegebenheiten zu reagieren.
Politische und wirtschaftliche Risiken
Was fordert Italien von der EU?
Italien drängt auf eine Revision bestehender EU‑Ziele, insbesondere auf eine Lockerung der strikten Zeitpläne für das Ende des Verbrennungsmotors im Jahr 2035. Urso hofft, dass beim bevorstehenden Gipfel zur Wettbewerbsfähigkeit in Brüssel breite Zustimmung für einen flexibleren, technologieoffenen Ansatz entsteht. Ziel ist es, die EU‑Politik so anzupassen, dass verschiedene Antriebstechnologien koexistieren können, je nach Marktsegment und nationaler Infrastruktur.
Auswirkungen für Verbraucher und Flottenbetreiber
Für Endkunden und fuhrparkbetreibende Unternehmen bedeutet dies: mehr Auswahl, aber auch Unsicherheit. Unternehmen könnten länger mit Hybriden oder alternativen Technologien planen, was Investitionsentscheidungen in Ladeinfrastruktur und Fahrzeugflotten beeinflusst. Verbraucher sehen sich möglicherweise mit einem weit verzweigteren Angebot konfrontiert — von milden Hybriden über PHEV bis hin zu BEV — was die Kaufentscheidung komplexer macht.
Stellantis‑Industrieplan am 21. Mai
Wichtig für die Marktteilnehmer ist der 21. Mai: An diesem Datum will Stellantis seinen neuen Industrieplan präsentieren. Branchenbeobachter erwarten konkrete Maßnahmen zur regionalen Differenzierung, zur Balance von Produktprogrammen und zu Investitionen in Produktion, F&E sowie Batteriekapazitäten. Der Plan könnte auch Signale enthalten, wie Stellantis Lieferketten, Belegschaft und Kapitalallokation anpassen will, um die Verluste zu beheben und wieder profitabel zu wirtschaften.
Wie sollten Zulieferer und Politik reagieren?
Zwischenfazit für Deutschland und die bayerische Automotive‑Szene
Aus Münchner Sicht ist die Debatte hoch relevant: Deutschlands Automobilstandorte hängen stark von klarer Planung und verlässlichen Rahmenbedingungen ab. Eine europäische Politik, die technologisch offen bleibt und regionale Besonderheiten berücksichtigt, kann helfen, Produktionskapazitäten sinnvoll zu nutzen und Innovationskraft zu erhalten. Gleichzeitig darf das Ziel der CO2‑Reduktion nicht aus den Augen verloren werden — der Schlüssel liegt in einer praktikablen Balance zwischen Klimazielen und industrieller Wettbewerbsfähigkeit.
