Die Lamborghini LM 002: Das wilde V12‑Monster der 80er, das Wüste und Tempo in Frage stellte

Die Lamborghini LM 002: Das wilde V12‑Monster der 80er, das Wüste und Tempo in Frage stellte

Die Lamborghini LM 002: Wenn ein V12‑Motor in die Wüste zog

Zwischen 1986 und 1993 entstand bei Lamborghini ein Fahrzeug, das damals wie heute für ungläubiges Staunen sorgt: die LM 002. Keine Studie, kein Concept Car — ein echtes, produziertes Fahrzeug, das in einer Auflage von rund 300 Exemplaren (je nach Quelle) gebaut wurde. Die LM 002 ist ein Widerspruch in sich: ein luxuriöses, komfortables Interieur gepaart mit einem brachialen 5,2‑Liter‑V12 aus der Countach; ein Geländewagen, der mit Supersportwagen‑DNA ausgestattet ist. Für die damalige Zeit war das eine radikale Kombination.

Vom militärischen Ansatz zur Luxus‑Offroad‑Ikone

Die Wurzeln der LM 002 liegen in militärischen Anforderungen der 1970er Jahre. Mobility Technology International beauftragte Lamborghini mit der Entwicklung eines Geländefahrzeugs, das als Nachfolger für militärische Jeeps dienen sollte. Prototypen wie der Cheetah und der LM001 folgten, ehe die Idee in ein ziviles, aber noch immer kompromissloses Konzept für wohlhabende Kunden mit Wüstenambitionen verwandelt wurde. Unter dem neuen Eigentümer Patrick Mimran wurde das Projekt neu belebt und auf den zivilen Markt ausgerichtet — mit dem Nahen Osten als wichtigem Zielmarkt.

Technik: Ein V12 vorne, Allrad und Tubular‑Chassis

Kernstück der LM 002 ist der 5,2‑Liter‑V12, der aus der Countach stammt. Je nach Version leistet der Motor 444 bis 455 PS — beeindruckend für ein Fahrzeug, das rund 2.700 kg wiegt. Trotz dieses Gewichts sprintete die LM 002 in 8,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h und erreichte Spitzengeschwindigkeiten um die 210 km/h; vereinzelt wurden sogar 223 km/h gemessen. Solche Werte machten sie in ihrer Zeit zum schnellsten Geländewagen der Welt.

Wichtig ist das Fahrwerk: ein Rohrrahmen‑Chassis, ungewöhnlich für Geländewagen jener Zeit, das Sportwagen‑ähnliche Steifigkeit bietet. Der V12 wurde frontal eingebaut und um 180° gedreht, um Platz für die Allradtechnik mit zentralem Verteilergetriebe und Untersetzung zu schaffen. Die Motorleistung wurde leicht reduziert, damit das Aggregat mit weniger hochwertigem Benzin zurechtkam — eine relevante Vorgabe für Käufer in ölreichen, aber kraftstofftechnisch unterschiedlichen Märkten.

Design: brutal, massiv, unverkennbar

Ästhetisch ist die LM 002 alles andere als feinfühlig. Mit kantiger, massiver Karosserie, einer Breite von über zwei Metern und einer Höhe von rund 1,85 Metern wirkt sie fast bedrohlich. Kritik wurde laut — bereits 1987 sprach eine Fachzeitschrift von einem „groben“ Stil und nannte das Fahrzeug eine „Limousine der Wüste mit barbarischem Charakter“. Gleichzeitig verlieh genau diese rohere, bullige Erscheinung dem Modell seinen Kultstatus: es war keine zurückhaltende Luxuslimousine, sondern ein Statement auf Rädern.

Das Interieur stand dem im Nichts nach: hochwertiges Leder und Luxusausstattung, aber eine wuchtige Mittelkonsole, die den Innenraum einschränkte und hinten nur Platz für zwei Passagiere ließ. Das zeigte, dass die LM 002 eher auf Exklusivität als auf praktische Alltagstauglichkeit ausgerichtet war.

Varianten und Extreme

  • Frühere Modelle mit Vergaser zeigen eine markante Haube mit deutlich ausgeprägtem „Buckel“; spätere Einspritzversionen sind flacher gestaltet.
  • Spezialversionen: Es existiert ein Umbau mit einem 7,2‑Liter‑V12 maritimer Herkunft mit rund 700 PS; andere Exemplare wurden zu Rallye‑Zwecken unter Anleitung von Profis wie Sandro Munari vorbereitet.
  • Serien wie die „LM/American“ — die letzten 60 Fahrzeuge mit USA‑Spezifikationen — weisen spezielle Ausstattungen wie OZ‑Felgen und verchromte Stoßfänger auf.
  • Verbrauch, Preis und Prominenz

    Bei all dem Luxus spielte der Verbrauch kaum eine Rolle für die Zielgruppe: je nach Einsatz zwischen 26 und 42 Litern pro 100 km bei einem Tankvolumen von 169 Litern. Der Preis von etwa 220.000 DM in den 1980er Jahren setzte die LM 002 in eine Liga mit zwei Mercedes 500 SEC — ein Luxusobjekt für eine sehr spezielle Kundschaft. Prominente Besitzer und Besteller wie der König von Marokko oder Hollywood‑Stars (Sylvester Stallone trug zur Legende „Rambo‑Lambo“ bei) verstärkten den Mythos.

    Rallyeeinsätze und praktische Anwendungen

    Die LM 002 wurde nicht nur als Statussymbol genutzt: sie trat bei Rallyes wie dem „Rallye des Pharaons“ und der Paris‑Dakar an. Einige Chassis wurden für den Offroad‑Einsatz optimiert und bewiesen, dass das Konzept mehr als kosmetische Provokation war — das Aggregat war robust genug, um harte Wüstenstrecken zu bewältigen, wenn auch mit sportwagenähnlicher Handhabung.

    Vermächtnis: Vorläufer der Urus

    In nur sieben Produktionsjahren schuf Lamborghini einen Prototyp für das, was Jahrzehnte später zur Urus werden würde: der Markt für luxuriöse, leistungsstarke Offroader war geboren. Die LM 002 gilt als spiritueller Ahne der modernen Luxus‑SUVs bei Lamborghini. Heute, wo jede Premiummarke Geländewagen anbietet, wirkt die LM 002 wie ein frühes Experiment, das die Richtung vorzeichnete.

    Was Fahrer und Sammler daraus lernen können

  • Technische Kühnheit zahlt sich aus: Mut zu ungewöhnlichen Konzepten kann neue Marktsegmente schaffen.
  • Komfort vs. Nutzbarkeit: Die LM 002 zeigt, dass Luxus und Offroad‑Tauglichkeit kombiniert werden können, aber immer Kompromisse einhergehen.
  • Sammlerwert: Die begrenzte Stückzahl, die Prominenten‑historie und die außergewöhnliche Technik machen die LM 002 zu einem Objekt mit hohem Sammlerinteresse.
  • Als Münchner, der gerne Landstraßen und Gebirgswege befährt, fasziniert mich an der LM 002 vor allem die Konsequenz ihres Konzepts: ein Supersport‑Herz in einem Offroad‑körper, gebaut zu einer Zeit, als so etwas noch niemand erwartete. Heute ist sie nicht nur ein Ausrufezeichen der Automobilgeschichte, sondern auch ein Vorbote dessen, was SUV‑Luxus einmal sein würde.

    Elmer