Neuer Benziner schafft über 30 km/l? Der Horse H12‑Hybrid von Renault & Co. verspricht 3,3 l/100 km – Revolution oder Marketing?
Horse H12 Concept: Neuer 1,2‑Dreizylinder soll Benziner‑Effizienz revolutionieren
Ein Dreizylinder mit Weltrekord‑Ambitionen? So lässt sich der Horse H12 Concept zusammenfassen, das neue Hybrid‑Aggregat, das von Horse Powertrain in Zusammenarbeit mit Repsol entwickelt wurde und künftig in Modellen von Renault, Dacia und Geely arbeiten soll. Als Motorenenthusiast in München fasziniert mich an diesem Projekt vor allem die Kombination aus mechanischer Optimierung, Hybridintegration und der Möglichkeit, vollständig auf erneuerbare Benzine umzusteigen. Schauen wir uns die Technik und die praktischen Konsequenzen für Fahrzeugnutzer genauer an.
Technische Basis: Bekannter Block, radikale Optimierungen
Als Ausgangspunkt dient der bekannte 1,2‑Liter HR12‑Block, den man bereits in verschiedenen Modellen wie dem Dacia Duster oder der Renault Clio findet. Horse hat diesen Basismotor nicht neu erfunden, sondern konsequent weiterentwickelt: Brennraumoptimierung, präzisere Einspritzung, verringerte innere Reibung und thermische Verluste — all das dient einem Ziel: die Wirkungsgradsteigerung. Das Ergebnis ist eine thermische Effizienz von 44,2 %, ein Wert, der sonst eher bei modernen Diesel‑ oder sehr effizienten Hybridaggregaten zu finden ist.
Hybridintegration im Getriebe: intelligentes Zusammenspiel
Wesentlich für die Verbrauchswerte ist nicht nur der einzelne Verbrennungsmotor, sondern sein Zusammenspiel mit einem integrierten Hybridmodul im Automatikgetriebe. Diese Lösung erlaubt es, den Verbrenner in seinem effizientesten Betriebsfenster laufen zu lassen, während elektrische Unterstützung bei Beschleunigung und Start‑Stop‑Manövern einspringt. Die Folge: deutlich weniger Einsätze des Verbrenners im ineffizienten Bereich und eine starke Senkung des durchschnittlichen Verbrauchs.
3,3 l/100 km – wie realistisch ist der Wert?
Horse gibt einen kombinierten Verbrauch von etwa 3,3 l/100 km an — das entspricht über 30 km pro Liter. Zum Vergleich: die Renault Clio mit dem klassischen 1,2‑TCe lag im WLTP‑Zyklus bei rund 5,0 l/100 km. Der Sprung ist massiv und basiert auf mehreren Hebeln: höhere thermische Effizienz, reduzierte Reibungsverluste, optimierte Getriebesteuerung und Elektrounterstützung. Ob diese Zahl im realen Alltagsbetrieb bei gemischter Nutzung und in kalten Klimazonen erreichbar ist, wird die Praxis zeigen. Dennoch: selbst bei 20‑30 % Abweichung bliebe der Motor im Vergleich sehr sparsam.
100 % erneuerbarer Kraftstoff: Nexa 95
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Horse‑Projekts ist die Kompatibilität mit synthetischen, vollständig erneuerbaren Kraftstoffen. Repsol bringt mit „Nexa 95“ eine Kraftstoffvariante ins Spiel, die aus Biomasse, landwirtschaftlichen Reststoffen und gebrauchten Speiseölen erzeugt wird. In Kombination mit einem effizienten Verbrennungsmotor eröffnet das sinnvolle Perspektiven: geringere CO2‑Bilanz im Betrieb, verlängerter Lebenszyklus konventioneller Verbrennerflotten und eine Technologiebrücke für Regionen, in denen die Ladeinfrastruktur für BEV noch langsam wächst.
Prototypen und Zeitplan
Die Entwicklungsteams in Valladolid (Horse Technologies Division) und im Repsol Technology Lab in Madrid haben bereits erste Prototypen gefertigt und validiert. Ein Demonstrationsfahrzeug soll Anfang 2026 öffentlich vorgestellt werden, was der erste Schritt zur Serienreife ist. Horse selbst ist ein Gemeinschaftsprojekt von Renault (45 %), Geely (45 %) und Aramco (10 %) — damit sind sowohl technische Ressourcen als auch Marktzugänge abgesichert.
Für welche Fahrzeuge macht das Sinn?
Die Einsatzgebiete liegen auf der Hand: kompakte Pkw und Crossover, die täglich viel gefahren werden, Flottenfahrzeuge und Märkte mit begrenzter Elektro‑Infrastruktur könnten besonders profitieren. Kombiniert mit Mild‑ oder Strong‑Hybridisierung bietet der H12 eine attraktive Mischung aus Reichweite, niedrigen Betriebskosten und verringerter CO2‑Bilanz ohne kompletten Systemwechsel zu Batterieelektrik.
Vor‑ und Nachteile aus Fahrersicht
Was bedeutet das für die Mobilitätswende?
Der Horse H12 Concept positioniert sich als „Brücken‑Technologie“: Er reduziert die Emissionen im Betrieb deutlich, erhält aber die Vorteile der bestehenden Kraftstoff‑Infrastruktur. In Ländern oder Regionen, wo die Umstellung auf reine Elektrofahrzeuge langsamer voranschreitet, kann eine solche Lösung sofort Wirkung entfalten. Langfristig bleibt die Frage offen, wie Skaleneffekte, Verfügbarkeit erneuerbarer Kraftstoffe und regulatorische Rahmenbedingungen die Adoption beeinflussen.
Ausblick
Als Autojournalist in München verfolge ich Projekte wie Horse mit großem Interesse. Sie zeigen: Die Mobilitätswende ist kein Einbahnweg, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Technologien. Ob der Horse H12 als echter Gamechanger in Serie geht, hängt von Industrialisierung, Kosten, Infrastruktur für synthetische Kraftstoffe und realen Verbrauchswerten ab. Sollte alles zusammenpassen, könnte der Motor eine sinnvolle Ergänzung im Portfolio emissionsarmer Antriebe werden — eine Option, die besonders für Fahrer attraktiv ist, die nicht 100 % auf Batterie umsteigen wollen, aber dennoch ihren ökologischen Fußabdruck deutlich reduzieren möchten.
